Wie wir in der IFS-Therapie arbeiten – und was Ihnen helfen kann
- 1. Okt. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 28. März
Zu Beginn Ihrer Behandlung erhalten Sie ein kurzes Einführungsvideo, das Ihnen einen ersten Überblick über die Arbeitsweise in unserer Praxis gibt. Die folgenden Informationen dienen dazu, Ihnen ein tieferes Verständnis dafür zu vermitteln, wie wir psychische Prozesse betrachten und wie Veränderung in der Therapie entstehen kann.
Wenn Menschen in Therapie kommen
Wenn Menschen eine Psychotherapie beginnen, steht dahinter meist eine Entwicklung, die sich über längere Zeit aufgebaut hat. Viele berichten, dass sie sich in bestimmten Situationen nicht frei fühlen, sondern immer wieder ähnlich reagieren. Gefühle treten plötzlich und intensiv auf, Gedanken drehen sich im Kreis, oder es entsteht das Gefühl, sich selbst im Weg zu stehen.
Oft wird das zunächst als persönliches Versagen erlebt. Aus therapeutischer Sicht handelt es sich jedoch in der Regel um nachvollziehbare innere Dynamiken. Diese Dynamiken sind nicht zufällig entstanden, sondern haben sich im Laufe des Lebens entwickelt und erfüllen bestimmte Funktionen.
Die innere Vielstimmigkeit verstehen
Ein zentraler Ausgangspunkt unserer Arbeit ist die Annahme, dass die menschliche Psyche nicht einheitlich funktioniert, sondern aus verschiedenen inneren Anteilen besteht. Diese Anteile zeigen sich je nach Situation unterschiedlich und können unterschiedliche Bedürfnisse, Impulse und Sichtweisen vertreten.
Viele Menschen kennen die Erfahrung, dass ein Teil von ihnen etwas möchte, während ein anderer Teil genau dagegen arbeitet. Diese inneren Spannungen sind kein Zeichen von Instabilität, sondern Ausdruck eines komplexen und grundsätzlich sinnvollen inneren Systems.
Die Psyche als inneres System
Der therapeutische Ansatz, den wir nutzen, orientiert sich am Modell der Internal Family Systems (IFS). Dieses Modell beschreibt die Psyche als ein System aus verschiedenen inneren Anteilen, die miteinander in Beziehung stehen.
Jeder dieser Anteile hat im Laufe des Lebens eine bestimmte Rolle übernommen. Diese Rollen entstehen häufig in Reaktion auf Erfahrungen, insbesondere dann, wenn Situationen als belastend, überfordernd oder emotional schwierig erlebt wurden.
Aus dieser Perspektive sind Symptome nicht einfach Störungen, sondern Ausdruck von inneren Lösungsversuchen. Veränderung entsteht daher nicht primär durch das Bekämpfen von Symptomen, sondern durch ein besseres Verständnis der zugrunde liegenden inneren Prozesse.
Schützende Anteile: Manager und impulsive Schutzreaktionen
Ein großer Teil unseres inneren Systems besteht aus Anteilen, die eine schützende Funktion übernehmen. Diese lassen sich grob in zwei Gruppen unterscheiden.
Zum einen gibt es Anteile, die versuchen, das Leben im Vorfeld so zu organisieren, dass Schwierigkeiten gar nicht erst entstehen. Diese werden häufig als kontrollierend, leistungsorientiert oder kritisch erlebt. Sie achten darauf, dass Anforderungen erfüllt werden, Fehler vermieden werden und das eigene Verhalten angepasst bleibt. Diese Anteile werden als Manager beschrieben.
Zum anderen gibt es Anteile, die dann aktiv werden, wenn belastende Gefühle bereits vorhanden sind. Sie reagieren meist schnell und unmittelbar mit dem Ziel, emotionale Spannung zu reduzieren. Das kann sich in Rückzug, Ablenkung, Vermeidung oder auch impulsiven Reaktionen zeigen. Diese Anteile werden oft als eine Art „innere Feuerwehr“ verstanden, da sie in akuten Situationen eingreifen.
Beide Formen von Schutz haben eine wichtige Funktion. Sie sollen verhindern, dass emotionale Belastung zu stark wird. Gleichzeitig können sie langfristig dazu beitragen, dass sich problematische Muster verfestigen.
Verletzliche Anteile
Unter diesen schützenden Strategien liegen häufig verletzliche innere Anteile. Diese tragen Erfahrungen von Angst, Traurigkeit, Scham oder Einsamkeit. Oft handelt es sich um emotionale Zustände, die in früheren Lebensphasen schwer zu verarbeiten waren.
Diese Anteile werden häufig aus dem bewussten Erleben herausgehalten, weil ihre Gefühle als zu belastend erlebt werden. Dennoch wirken sie im Hintergrund weiter und beeinflussen, wie wir auf bestimmte Situationen reagieren.
Jeder Anteil hat eine Funktion
Ein zentraler Perspektivwechsel in der Therapie besteht darin zu erkennen, dass alle inneren Anteile eine Funktion haben. Auch Verhaltensweisen, die heute problematisch erscheinen, haben ursprünglich einen sinnvollen Zweck erfüllt.
Selbstkritik kann beispielsweise dazu dienen, Fehler zu vermeiden. Rückzug kann vor Überforderung schützen. Kontrolle kann Sicherheit herstellen. Wenn diese Zusammenhänge verstanden werden, entsteht eine andere Haltung sich selbst gegenüber.
Statt innerer Ablehnung oder Kampf wird es möglich, mit mehr Verständnis auf eigene Reaktionen zu schauen. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für nachhaltige Veränderung.
Die beobachtende Fähigkeit und das "Selbst"
Neben den verschiedenen Anteilen gibt es in jedem Menschen die Fähigkeit, innere Prozesse wahrzunehmen. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass man sagen kann: „Ein Teil von mir ist gerade angespannt“ oder „Ich merke, dass ich sehr kritisch mit mir bin“.
In solchen Momenten besteht eine gewisse Distanz zum eigenen Erleben. Diese Fähigkeit kann im Verlauf der Therapie gezielt gestärkt werden.
Wenn dieser Zugang stabiler wird, entsteht eine innere Haltung, die sich durch Ruhe, Klarheit und Orientierung auszeichnet. Im IFS-Modell wird diese Qualität als das Selbst beschrieben. Aus dieser Perspektive heraus wird es möglich, innere Prozesse zu regulieren und neue Formen des Umgangs mit sich selbst zu entwickeln.
Der therapeutische Prozess
Die Arbeit in der Therapie folgt einem klaren Ablauf. Zunächst geht es darum, aktuelle Reaktionen wahrzunehmen und einzuordnen. Anschließend werden die beteiligten inneren Anteile genauer betrachtet und in ihrer Funktion verstanden.
Im nächsten Schritt wird ein innerer Abstand zu belastenden Reaktionen aufgebaut. Auf dieser Grundlage wird ein neuer Umgang mit schwierigen Gefühlen und inneren Konflikten entwickelt. Dieser Prozess geschieht schrittweise und wird an Ihre individuelle Situation angepasst.
Selbstmitgefühl als unterstützende Haltung
Ein wichtiger ergänzender Bestandteil der Behandlung ist das Konzept des Selbstmitgefühls (Mindful Self-Compassion, MSC). Viele Menschen erleben, dass sie gerade in schwierigen Momenten besonders streng oder kritisch mit sich selbst umgehen. Genau hier setzt Selbstmitgefühl an.
Selbstmitgefühl bedeutet, sich selbst in belastenden Situationen nicht zusätzlich unter Druck zu setzen, sondern sich innerlich zu unterstützen. Es handelt sich um eine Fähigkeit, die gezielt entwickelt werden kann.
Diese Fähigkeit besteht aus drei miteinander verbundenen Aspekten.
Der erste Aspekt ist Achtsamkeit. Gemeint ist die Fähigkeit, wahrzunehmen, was gerade geschieht, ohne es zu verdrängen, aber auch ohne sich vollständig darin zu verlieren. Es geht darum, einen klaren Blick auf das eigene Erleben zu bekommen.
Der zweite Aspekt ist das Bewusstsein eines gemeinsamen Menschseins. Schwierige Gefühle, Überforderung oder Zweifel sind keine persönlichen Defizite, sondern gehören zum menschlichen Leben dazu. Dieser Perspektivwechsel kann entlastend wirken.
Der dritte Aspekt ist Freundlichkeit sich selbst gegenüber. Das bedeutet, sich innerlich so zu begegnen, wie man es bei einem nahestehenden Menschen tun würde: unterstützend, verständnisvoll und wohlwollend.
Die Pause mit Selbstmitgefühl
Eine konkrete Möglichkeit, diese Haltung im Alltag umzusetzen, ist die sogenannte Selbstmitgefühls-Pause. Sie lässt sich in wenigen Minuten durchführen und kann besonders in belastenden Momenten hilfreich sein.
Im ersten Schritt halten Sie kurz inne und benennen für sich, was gerade schwierig ist, zum Beispiel mit dem Satz: „Das ist gerade ein anstrengender Moment.“
Im zweiten Schritt erinnern Sie sich daran, dass solche Erfahrungen Teil des Lebens sind. Ein möglicher Satz kann sein: „So etwas gehört zum Menschsein dazu.“
Im dritten Schritt richten Sie sich bewusst freundlich an sich selbst, etwa mit einem Satz wie: „Ich darf jetzt gut mit mir umgehen“ oder „Ich kann mir gerade Unterstützung geben.“
Der Körper als Zugang
Ein besonders direkter Zugang zu Selbstmitgefühl ist der Körper. Emotionale Zustände zeigen sich immer auch körperlich, und über den Körper kann Regulation oft leichter erreicht werden als über reines Nachdenken.
Viele Menschen erleben es als hilfreich, sich in solchen Momenten bewusst eine Form von beruhigender Berührung zu geben. Beispiele dafür sind:
eine Hand auf die Brust legen
eine Hand auf den Bauch legen
beide Hände sanft übereinanderlegen
die Arme locker um den eigenen Oberkörper legen
Solche einfachen Gesten können ein Gefühl von Halt und Stabilität vermitteln und das Nervensystem beruhigen. Sie unterstützen dabei, die freundliche Haltung sich selbst gegenüber nicht nur gedanklich, sondern auch körperlich zu verankern.
Integration in die Therapie
Die Arbeit mit inneren Anteilen und die Förderung von Selbstmitgefühl werden in unserer Praxis in ein verhaltenstherapeutisches Behandlungskonzept eingebettet. Dadurch entsteht eine strukturierte Vorgehensweise, die sowohl auf Verständnis als auch auf konkrete Veränderung ausgerichtet ist.
Die Behandlung kann im Einzelsetting, in Gruppen oder in einer Kombination aus beidem stattfinden. Die einzelnen Formate ergänzen sich und ermöglichen unterschiedliche Zugänge zum therapeutischen Prozess.
Für welche Themen dieser Ansatz geeignet ist
Der Ansatz eignet sich für unterschiedliche Formen psychischer Belastung. Dazu gehören unter anderem Angst, depressive Symptome, Stress, emotionale Überforderung oder innere Konflikte. Auch Traumata und Themen aus der Lebensgeschichte sowie wiederkehrende belastende Muster in Beziehungen können mit diesem Ansatz gut adressiert werden.
Der Fokus liegt dabei nicht darauf, Symptome direkt zu bekämpfen, sondern die zugrunde liegenden Prozesse besser zu verstehen. In vielen Fällen führt dieses Verständnis dazu, dass Symptome an Intensität verlieren und langfristig an Bedeutung verlieren.
Ressourcen
Einführung in den Internal Family Systems (IFS) Ansatz:
Einführung in den Mindful Self Compassion (MSC) Ansatz:
Meditationen:
MSC Kernmeditationen (weibliche Sprecherin) - kostenlos
MSC Kernmeditationen (männlicher Sprecher) - kostenlos
